
Das aktuelle Dillemma in der „klassischen Tontechnik“ ist die unausgegorene Verbindung von analoger Mischpult-Hardware und digitaler Aufnahme. Unser Equipment verbringt inzwischen auf digitaler wie analoger Ebene kleine Wunder, aber im Gesamtkonzept hängen wir seit Erfindung der DAW (Digital Audio Workstation, sprich der PC mit Sequenzer) vor knapp 20 Jahren in einem ziemlich dämlichen Hybrid:
halbherzige Automation, weil nur die DAW, aber nicht das Pult „Total Recall“ (Wiederabrufbarkeit aller Einstellungen) oder automatisierbar sind, ein bisschen warm-analog hier gegen ganz viel Octacore-CPU-digital dort und gemischt wird sowieso irgendwie überall, „out of“ und „inside the box“.
Für Workflow und Arbeitskonsequenz ist das meist Gift. Witziger Weise gibt es für fast jede andere tontechnische Aufgabenstellung eine spezialisierte Lösung, aber dieses Problem verfolgt uns seit der Abschaffung der Bandmaschine (die nämlich ein insgesamt doch ganz anderes Konzept darstellt, als die DAW der ausgehenden ersten Dekade dieses Jahrtausends….)
Was wird passieren?
Meiner Meinung nach werden wir eine Aufspaltung erleben, die sich aus der beeindruckenden Rechenleistung aktueller PC und MAC Workstations, aber vor allem wegen der inzwischen wirklich erwachsen gewordenen Software (Nuendo 4 ist echt gut und Logic 8 zeigt immerhin gute Ansätze) bedingt:
A. Eine weitere Verstärkung des Hybrid-Systems aus analogem Studio mit digitalem Kern (DAW + externes Analog-Mischpult und ggfs. Outboard) mit weitgehend klassischer Audio-Infrastruktur. Da neben dem analogen Klang für viele Tontechniker auch die Haptik eine enorm wichtigere Rolle spielt, wird die Entwicklung in Richtung „quasi-digital-integrierter“ Konsolen weitergehen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem analogen System mit möglichst gutem Interface zur digitalen DAW Ebene. Aktuelle Beispiele sind SSLs Matrix oder AWS (bzw. Duality).
B. Ein massiver Focus auf den Rechner mit dem Verständnis der DAW als gesamtes Studio, wobei die Konsole durch andere, dynamischere, taktile Werkzeuge ersetzt werden. Im Focus ist der möglichst konsequente und einheitliche Workflow, da die DAW zum vollintegrierten Mischpult wird. Dabei spielen sich Recording, Editing, Verwaltung und Mixdown auf der selben Eben ab. Da auch Verfechter dieses Konzeptes im Profibereich keineswegs auf analogen Klang verzichten wollen, werden analogem High-End Outboard und der ja noch relativ jungen Klasse der Summing-Amps wahrscheinlich noch ein langes Leben beschieden sein.
Aktuelle Beispiele dieser Art sind Euphonix System 5MC oder die Artist-Serie aus gleichem Hause. Populärstes, aber wegen der Exklusiv-Bindung an Protools eingeschränktes Beispiel sind die ICON-Systme von Digidesign.
Letztlich nähern sich die beiden Ansätze dem gleichen Problem aus verschiedenen Richtungen.
Ich bin vor allem wegen des exzellenten Workflow-Ansatzes und des darin schlummernden Potenzials erklärter Verfechter von Variante B. Da beide Konzepte aber wie so oft nur im High-End-Bereich wirklich konsequent umsetzbar sind, werden wir im ambitionierten Projektstudio wohl häufig Varianten irgendwo dazwischen finden.
Für diesen Bereich empfehle ich gern das Mischpult Toft ATB, obwohl es so richtig zu keinem der beiden Prinzipien passt. Die ATB ist die einzige mir bekannte Konsole, die klanglich eindeutig „Large Format“ ist, aber trotzdem weit unter 20000 Euro kostet.

Wer nicht gerade einen Prism-Sound oder zumindest Apogee-Wandler sein eigen nennt, wird hier davon profitieren, dass man die Lautstärke diverser Einzelausgänge aus der DAW nicht auf digitaler Ebene vor den 16, 20 oder 24 bit fixed-point DA-Wandlern regeln muss und so Einbußen im Sound riskiert. Das ist der Fall bei vielen Summing-Amps, die eben oft ohne eigene Gain- und Pan-Regelung auskommen müssen. Das dadurch die die Recallbarkeit eine Projektes reduziert wird, ist eine andere Sache. Das kann man als Einschränkung oder künstlerische Herausforderung begreifen, je nach den eigenen Arbeitsgewohnheiten.
Dazu kommen bei einem Pult der Güte des ATB neben guten Preamps auch noch Equalizer, die die meisten „Vintage“ Plugins locker deklassieren und übrigens: schon mal versucht, die interne Summierung eines Hostsequencers mit +12 db in der Summe zu machen? Das geht halt nur analog.
Wer sich also eine Hi-End Lösung der Stufe B nicht leisten kann, ist mit der Toft-Konsole gut bedient. Warum ich hier kein alternatives Mischpult nenne? Es gibt schlicht und einfach auf dem Markt – abgesehen von alten und meist servicebedürftigen Gebrauchtkonsolen – kein vergleichbares Pult.
Mögliche Equipment-Kombinationen, mit denen man noch mehr herausholen kann, aber auch mehr ausgeben muss, wären:
- Audient ASP 008, ggfs. mit Digital Out, je nach Audio-Interface
- Universal Audio 4110 oder 8110 Micpreamps
- Tegeler Tube Summing Amp
oder
- API / BAE Lunchbox (oder 11er Rack) mit Bestückung von API, AVEDIS, BAE, A-Designs
- Universal Audio 4110 oder 8110 Micpreamps oder Focusrite 828 / 428.
- Neve 8816 Summing Mixer (mit Level, Pan, Total Recall (!!) und Monitor-Matrix. Für den gibt’s sogar ein Faderpack
Doch damit kommt man preislich schon in den Neuwagen-Bereich, besitzt allerdings die Freiheit, sich nach und nach zu erweitern.
Für welchen Lösung man sich entscheidet, A, B oder ATB, liegt letzlich in der eigenen Arbeitsweise. Hervorragende Ergebnisse lassen sich auf allen drei Wegen finden, so unterschiedlich sie sind.
Thomas Römann,
Digital Audio Service